Das kühne und biologische Experiment der Australian Open 2025
Die diesjährigen Gewinner maximierten die gemeinsamen Vorteile von Trainer und Spieler.
Psychology Today, 3. Februar 2025, Michael Allison
Die Australian Open 2025 waren das erste Grand-Slam-Turnier, bei dem Trainer während der Spiele in speziellen „Coaching-Pods“ auf dem Platz zugelassen waren. Diese Pods ermöglichten eine Kommunikation zwischen den Spielern und ihren Support-Teams in Echtzeit. Die Spieler konnten diese neuen Pods nutzen, in denen sich ihre Support-Teams
Bei den diesjährigen Australian Open der Herren und Damen saßen die Support-Teams der Gewinner jedes Spiels in den Coaching-Pods auf dem Platz neben ihnen. Im Gegensatz dazu saßen die Teams der beiden Verlierer auf den Tribünen abseits des Spielfelds.
Was verrät diese Sitzordnung wohl über die Spieler, ihre Support-Teams, ihre Beziehungen zu ihren Teams und die Auswirkungen ihrer Teams auf ihre physiologischen Reaktionen und die daraus resultierenden Leistungsergebnisse?
Natürliche Reaktionen auf den Druck
Jeder dieser Elite-Sportler und Finalisten bei den diesjährigen Australian Open – Madison Keys, Aryna Sabalenka, Jannik Sinner und Alexander Zverev – kennt den immensen Druck des professionellen Tennis in Form von unterschiedlichen physiologischen Reaktionen und verschiedenen Ebenen autonomer Agilität. Ihre Fähigkeit, mit Stress umzugehen, ihre Emotionen zu regulieren und ihre Leistung gemäß ihrem Potenzial abzurufen, sind abhängig von ihren körperlichen Reaktionen, ihren Beziehungen zu diesen Reaktionen, den Narrativen, die sie schaffen, um ihre Reaktionen zu verstehen, und ihren Möglichkeiten zur Milderung ihrer körperlichen Reaktionen durch die Unterstützung anderer (d. h. Koregulation) verschieden.
Durch die Analyse ihrer Reaktionen, ihres Verhaltens auf dem Platz und ihrer Interaktionen mit ihren Support-Teams durch eine neurophysiologische Linse können wir besser verstehen, wie sich in der Leistung jedes Spielers unter Druck seine jeweilige Fähigkeit oder Unfähigkeit widerspiegelt, fließend und flexibel zwischen den jeweiligen autonomen Zuständen zu changieren. Diese Zustände reichen von ruhig und selbstbewusst über spielerisch und neugierig bis hin zu ängstlich und aufgeregt und manchmal hoffnungslos und zurückgezogen.
Im Laufe weniger Sekunden, Punkte, Spiele, Sätze, Matches oder Turniere können ein Spieler und sein Support-Team schnell zwischen diesen Zuständen wechseln oder in einem einzigen Zustand gefangen sein. Sie können derartige autonome Veränderungen bewusst und absichtlich steuern oder dabei impulsiv und unkontrolliert reagieren. Der Spieler und sein Support-Team können sich auch physiologisch aufeinander abstimmen, indem sie ihre Zustände aneinander angleichen, um sich gegenseitig Hilfe und Unterstützung anzubieten; andernfalls könnten sie sich fehlerhaft aufeinander einstimmen, dabei ihre Verbindung unterbrechen und sich gegenseitig stören, was letztendlich die Resilienz und Leistung des Spielers beeinträchtigt.

Beeinflussung der Leistung zum Guten oder zum Schlechten
Die Polyvagal-Theorie betont den maßgeblichen Einfluss unseres autonomen Nervensystems auf unsere emotionalen Erfahrungen und sozialen Interaktionen. Diese Perspektive unterstreicht die Bedeutung der Kultivierung unterstützender Beziehungen, mit denen Sportler, Führungskräfte und Leistungsträger aller Art bei der effektiveren Steuerung ihrer physiologischen Zustände für eine optimale Leistung unterstützt werden können. Egal ob wir auf einer Bühne ein Solo singen, an der Freiwurflinie stehen oder auf dem Center Court bei den Australian Open antreten: Die Menschen um uns herum haben Einfluss auf unsere Leistung. Das gilt insbesondere für jene, denen wir vertrauen und zu denen wir langjährige Beziehungen pflegen.
Die Vorstellung, dass wir uns absondern, alles und jeden ausblenden und uns ausschließlich auf unsere individuellen Fähigkeiten verlassen sollten, wenn wir das Spielfeld betreten, ist nicht unbedingt zutreffend oder optimal. Stattdessen müssen wir unser Support-Team sorgfältig aussuchen und bei dieser Entscheidung nicht nur dessen Taktik und Fachwissen, sondern auch seine Fähigkeit berücksichtigen, die eigenen physiologischen Reaktionen und emotionalen Schwankungen auf die inhärenten Fluktuationen unserer Leistung zu steuern.
Dennoch liegt es in der Verantwortung unseres Support-Teams, seine physiologischen Zustände an unsere anzupassen, ohne sich in unseren Stress zu verwickeln oder ihn noch zu verstärken. Sie begegnen uns dort, wo wir sind, stabilisieren uns, ermuntern uns, beruhigen uns oder treiben uns zum Sieg: Das ist die Essenz erstklassigen Coachings, die auch auf Führung, Teams, Elternschaft, Freundschaften, menschliche Beziehungen und Leistungen ausgeweitet werden kann.
Ein Anker der Unterstützung oder Belastung
Alexander Zverev und Aryna Sabalenka, die Zweitplatzierten der Herren und Damen, positionierten ihre Support-Teams auf den Tribünen abseits des Spielfelds. Sie könnten sich bewusst oder unbewusst darüber im Klaren sein, dass die physiologischen Reaktionen ihrer Trainer auf ihre Leistung ihre Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit negativ beeinflussen können. Möglicherweise stellen sie fest, dass sie sich oft angespannter fühlen oder von ihrem Trainer abgelenkt werden.
Wenn ein Trainer zu sensibel auf den Stress eines Leistungssportlers reagiert, können seine empathischen Reaktionen die emotionale Belastung des Athleten noch verstärken. In derartigen Situationen muss der Spieler nicht nur die Herausforderungen des Spiels und seine eigenen internalen Reaktionen bewältigen, sondern fühlt sich auch für die emotionalen Nöte und physiologischen Störungen seines Trainers verantwortlich. Empathische Reaktionen werden oft in engen Beziehungen verstärkt, etwa in den familiären Bindungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Zverevs Vater und Bruder sind sein Haupttrainer und sein Support-Team.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass es in der Beziehung zwischen Spieler und Trainer an der Grundlage einer physiologischen Sicherheit und an Vertrauen fehlt. Wenn das Nervensystem eines Athleten seinen Trainer eher als bewertend denn als unterstützend interpretiert – und er somit das Gefühl hat, dass seine Akzeptanz von seiner Leistung abhängt –, kann die Beziehung eher störend wirken, anstatt zu bestärken. Darüber hinaus können frühere Vertrauensbrüche dazu führen, dass ein Leistungssportler einen sich schützenden, wachsamen autonomen Zustand annimmt, wodurch sich der Zugriff auf die koregulativen Vorteile sozialer Verbindungen schwierig gestaltet.
Anstatt sich in seiner Beziehung zum Trainer (oder zu anderen Menschen im Allgemeinen) sicher zu fühlen, könnte er die Beziehungsnähe mit Verletzlichkeit, Abwertung oder dem Risiko eines Verrats in Verbindung bringen. Anstatt sich auf die koregulativen Vorteile vertrauensvoller Beziehungen zu verlassen, können die Personen in der Nähe anderer auch autonom gestört werden und entsprechende Selbstregulierungsstrategien priorisieren (z. B. indem sie dafür sorgen, dass ihre Supportteams weiter weg sind).
Die Spieler selbst erkennen die Gründe, weswegen sie Teammitglieder nicht in der Coaching-Box auf dem Spielfeld haben wollen, möglicherweise nicht explizit an. Dennoch können sie intuitiv bestimmte Personen als Quellen emotionaler und physiologischer Instabilität anstatt als zuverlässigen Anker der Unterstützung erkennen. Wenn dies der Fall ist, können sie ein vorübergehendes Hindernis beseitigen (indem sie ihr Support Team an einen weiter entfernten Ort platzieren), während sie gleichzeitig unbeabsichtigt den Zugang zu einer für die Leistungsoptimierung wesentlichen Ressource einschränken.
Über die taktische Strategie und das Spiel hinaus spielt die autonome Flexibilität eines Trainers eine wichtige Rolle, damit der Athlet sein eigenes Nervensystem regulieren und folglich unter Druck belastbar bleiben kann. Ein Spieler sollte die Rolle seines Teams bei der Unterstützung oder Störung seines autonomen Zustands anerkennen und sein Support- Team deshalb sorgfältig auswählen.

Die autonome Funktion eines Coaches
Damit ein Coach wirklich effektiv sein kann, muss er sich auf die physiologische Veränderungen des Spielers einstellen, ohne sich dabei in seine eigenen defensiven Zustände zu verwickeln. Ein autonom agiler Coach kann einen Leistungssportler, der sich in eine Abwärtsspirale begibt, aufrichten, seine Intensität anpassen, wenn er übermäßig energiegeladen ist, Vertrauen in Momenten des Zweifels vermitteln und in turbulenten Zeiten Stabilität bieten. Wenn ein Athlet entspannt ist und die Kontrolle hat, kann ein Trainer seinen Hochleistungszustand aufrechterhalten, anstatt ihn mit seinen eigenen Ängsten und Sorgen zu stören.
Trainer erreichen dies nicht durch Worte, sondern durch die Botschaften, die mit dem Ton ihrer Stimmen, ihrer Mimik und Körpersprache vermittelt werden, die wiederum von ihrem autonomen Zustand ausgehen. Letztlich liegt die Essenz des Coachings nicht in der Vermittlung von Anleitung und Techniken, sondern in der Funktion als koregulierender Anker für den Athleten. Durch diese Unterstützung wird sichergestellt, dass der Athlet in der Hitze des Wettkampfes nicht allein durch seine physiologische Landschaft navigieren muss.
Koregulierende Leistung
Eine optimale Leistung entsteht aus einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Spieler und Trainer, in der beide Parteien einen koregulierenden Austausch pflegen. Manchmal führt der Coach, manchmal bewegt er sich neben dem Athleten her, und manchmal folgt er ihm sogar. Während dieses Prozesses navigieren sie sich durch die gesamte Bandbreite an physiologischen Zuständen, die erforderlich sind, um die dynamischen Herausforderungen von Wettbewerb und Leistung zu bewältigen.
Sowohl der Spieler als auch der Trainer zeigen dabei eine autonome Agilität – die Fähigkeit, fließend und absichtlich zwischen verschiedenen autonomen Zuständen zu wechseln, ohne in defensiven oder schützenden Modi stecken zu bleiben. Gemeinsam bilden sie ein belastbareres und anpassungsfähigeres Koregulierungsteam, das ihre allgemeine autonome Agilität verbessert und ihr physiologisches Vertrauen ineinander vertieft.
Die Australian-Open-Champions Jannik Sinner und Madison Keys, die ihren Support Teams vertrauen, zeigen, wie soziale Unterstützung die physiologische Belastbarkeit in einem Elite-Wettbewerb verbessern kann. Derweil haben Alexander Zverev und Aryna Sabalenka möglicherweise unbeabsichtigt ihre autonome Agilität und Leistung beeinträchtigt, indem sie eine zentrale Komponente der menschlichen Anpassung – die Koregulierung – ablehnten, indem sie sich von ihrer Coaching-Box distanzierten.
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