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Wenn Kritik unhaltbar wird: Eine wissenschaftliche Antwort auf die Bewertung der Polyvagaltheorie durch Grossman et al.
Clinical Neuropsychiatry (2026) 23, 1, 113-128
Stephen W. Porges
Die deutsche Zusammenfassung:
Eine kürzlich von Grossman et al. (2026, diese Ausgabe) vorgebrachte Kritik argumentiert, dass die Polyvagal-Theorie wissenschaftlich unhaltbar sei, da ihre Kernaussagen bezüglich der autonomen Organisation, der respiratorischen Sinusarrhythmie (RSA) und des evolutionären Rahmens nicht mit der etablierten Neurophysiologie vereinbar seien.
Der vorliegende Artikel bewertet diese Behauptungen nicht, indem er einzelne Aussagen isoliert diskutiert, sondern indem er untersucht, ob die Kritik sich auf die Polyvagal-Theorie bezieht, wie sie in der peer-reviewten Literatur dargelegt wird, und ob sie den epistemischen Standards entspricht, die für eine wissenschaftliche Widerlegung erforderlich sind.
Anstatt aufeinanderfolgend auf einzelne Einwände zu antworten, verdeutlicht die Analyse die konzeptionellen Grundlagen, den Umfang und die expliziten Bedingungen der Falsifizierbarkeit der Theorie als systemisches, wegspezifisches Rahmenwerk der autonomen Zustandsregulation. Sie zeigt, dass die Kritik wiederholt eine rekonstruierte Annäherung an die Theorie bewertet, die durch anhaltende Kategorienfehler geprägt ist, darunter die Vermischung von Neuroanatomie und Neurophysiologie, die Reduktion der Theorie auf Messungen und die Ersetzung der funktionellen Organisation durch phylogenetische Kontinuität.
Diese strukturellen Fehlinterpretationen verbreiten sich über methodologische, neurophysiologische, evolutionäre und entwicklungsbezogene Bereiche und verhindern eine aussagekräftige empirische Beurteilung.
Über diese Bereiche hinweg zeigt die Arbeit, dass Meinungsverschiedenheiten bezüglich RSA-Metriken, vergleichender Anatomie oder evolutionärer Rahmenbedingungen nicht die spezifischen Mechanismen der Theorie betreffen oder Bedingungen aufzeigen, unter denen ihre Vorhersagen fehlschlagen würden.
Wo Uneinigkeit besteht, spiegelt dies eher Unterschiede in den Messpräferenzen, der Analyseebene oder dem theoretischen Rahmen wider als Beweise gegen die Organisationsprinzipien der Theorie.
Ein Anhang enthält eine historische Überprüfung, aus der hervorgeht, dass mehrere zentrale Behauptungen, die in der Kritik wiederholt wurden, bereits vor fast zwei Jahrzehnten in der Literatur als Fehlinterpretationen der Polyvagal-Theorie identifiziert wurden. Ihre fortgesetzte Wiederholung ohne wesentliche Änderungen spiegelt eher ein anhaltendes Versagen der repräsentativen Rezeption wider als eine ungelöste empirische Kontroverse.
Es wird der Schluss gezogen, dass der Vorwurf der wissenschaftlichen Unhaltbarkeit nicht auf die formulierte Polyvagal-Theorie zutrifft, sondern vielmehr eine Kritik widerspiegelt, die sich nicht mit der Theorie selbst auseinandersetzt.
Ein produktiver wissenschaftlicher Diskurs erfordert repräsentative Genauigkeit, eine angemessene Angleichung der Analyseebenen und die Bereitschaft zu theoretischen und empirischen Klarstellungen – Kriterien, die für die Bewertung einer Theorie unerlässlich sind, aber in der vorliegenden Kritik nicht erfüllt werden.
OPEN ACCESS
Zitierung: Porges, W. S. (2026). Wenn Kritik unhaltbar wird: Eine wissenschaftliche Antwort auf die Bewertung der Polyvagal-Theorie durch Grossman et al. Klinische Neuropsychiatrie, 23(1), 113-128.