Eine Mitteilung von Stephen Porges zur Integrität der Polyvagal-Theorie

In den letzten Wochen wurden von vielen Seiten Fragen an mich herangetragen, nachdem der Artikel von Grossman et al. (2026), in dem die Polyvagal-Theorie kritisiert wird veröffentlicht wurde und sich online verbreitete. Ich schätze Ihre gedankliche Auseinandersetzung mit der Materie und Ihren Einsatz für wissenschaftliche Klarheit.

 

Als Urheber der Theorie habe ich klar dargelegt, welche Behauptungen über die Polyvagal-Theorie unzutreffend sind und habe in der von Fachkollegen begutachteten Literatur dokumentiert, was die Theorie aussagt – und was nicht. Wenn solche Belege verfügbar sind, ändert sich das Format der Diskussion. Es geht dann nicht mehr um interpretative Präferenzen, sondern um die Richtigkeit der Darstellung.

 

Darüberhinaus ist es wichtig, die jeweiligen Rollen zu unterscheiden. Meine Verantwortung als Wissenschaftler besteht darin, die Theorie präzise zu formulieren, ihre Randbedingungen zu spezifizieren und auf Kritik innerhalb der wissenschaftlichen Fachliteratur zu reagieren. Die Polyvagal-Theorie muss nicht vor Kritik geschützt werden, sondern erfordert eine disziplinierte Evaluation.

 

Das Polyvagal Institute hat als öffentlichkeitswirksame Organisation eine entsprechende Verantwortung: Es muss Zugang zu korrekten Darstellungen der Polyvagal-Theorie bieten und sicherstellen, dass die Lehrmaterialien diese dokumentierten Grundlagen widerspiegeln. Zwar ist dies das Werk von vielen Mitwirkenden, die organisatorische Verantwortung für die Ausbildungsstandards und die Kommunikation des PVI mit der Öffentlichkeit jedoch liegt bei seiner Leitung und der Geschäftsführung unter der Leitung von George Thompson, MD, Vorstandsvorsitzender, und Randall Redfield, Geschäftsführer.

 

Für Mitglieder dieser Gemeinschaft besteht keine Notwendigkeit, die Polyvagal-Theorie argumentativ zu verteidigen. Die grundsätzliche Reaktion auf Kritik ist ganz einfach: Bitten Sie den/die Kritiker:in, genau anzugeben, an welcher Stelle in der Primärliteratur die Theorie die ihr zugeschriebene Behauptung aufstellt. Sobald sich die Diskussion (wieder) auf entsprechend belegte Aussagen ausrichtet, macht die Verwirrung größerer Klarheit Platz und der wissenschaftliche Dialog kann produktiv fortgesetzt werden.

 

Die Polyvagal-Theorie verlangt nicht, dass man an sie glaubt. Sie lädt zu disziplinierter Forschung, sorgfältigem Lesen und fortwährender empirischer Evaluation ein. Sie entwickelt sich durch Klarstellung, Überprüfung und verantwortungsvolle Anwendung ständig weiter. Ich fühle mich diesem Prozess weiterhin verpflichtet und unterstütze diese Gemeinschaft dabei, im Verlauf dieser Diskussionen die wissenschaftliche Integrität wie auch den kollegialen Respekt zu wahren.

 

Wissenschaftliche Kritik ist für den Fortschritt unerlässlich. Ich begrüße die Veröffentlichung des Artikels von Grossman et al. (2026), da er in einem einzigen wissenschaftlichen Forum zusammenfasst, was man durchaus als tief verwurzelte, wiederkehrende Einwände bezeichnen kann – die Grossman-Kritiken –, die seit fast zwei Jahrzehnten in verschiedenen Formen in Konferenzkommentaren, Auslegungen der Sekundärliteratur und früheren Veröffentlichungen auftauchen und in jüngerer Zeit auch ungeprüft massiv über Social-Media-Plattformen verbreitet werden. Die Zusammenführung dieser Perspektiven in einer einheitlichen, von Fachkollegen begutachteten Publikation schafft eine geeignete Gelegenheit für eine systematische und transparente wissenschaftliche Stellungnahme.

 

Meine Gegendarstellung, die gleichzeitig mit dem Artikel von Grossman et al. (2026) in derselben Ausgabe von Clinical Neuropsychiatry veröffentlicht wurde, wurde bewusst so strukturiert, dass die Leserschaft die relative Stichhaltigkeit der Kritik und der Antwort in einem gemeinsamen wissenschaftlichen Kontext direkt bewerten kann. In der Gegendarstellung wird beurteilt, ob die Kritik auf die Polyvagal-Theorie so eingeht wie diese in der Fachliteratur mit Peer Review formuliert wird und ob sie sich an die für eine wissenschaftliche Widerlegung erforderlichen epistemischen Normen hält. Die Analyse zeigt, dass sich die primären Einwände nicht gegen die formulierte Theorie richten, sondern gegen eine rekonstruierte Version von dieser. Die Gegendarstellung zeigt auf methodologischem, neurophysiologischem, evolutionärem, entwicklungsbezogenem und translationalem Gebiet durchweg, wie Begriffsverwirrungen – etwa die Gleichsetzung von anatomischer Beschreibung und funktioneller Organisation sowie die Reduzierung der Theorie auf Fragen der Messpräferenz – zu Schlussfolgerungen führen, die keine Beurteilung der dargelegten Aussagen der Theorie darstellen.

 

Die vollständige in der Zeitschrift Clinical Neuropsychiatry publizierte Gegendarstellung kann hier nachgelesen werden:

https://www.clinicalneuropsychiatry.org/download/when-a-critique-becomes-untenable-a-scholarly-response-to-grossman-et-al-s-evaluation-of-Polyvagal-Theorie/

 

Die Gegendarstellung enthält zusätzlich einen Anhang, der die historische Kontinuität der fraglichen Kritikpunkte dokumentiert und konkrete Fälle aufzeigt, in denen mutmaßliche Behauptungen der Polyvagaltheorie von mir zuvor in durch Peer-Review geprüften Publikationen klargestellt oder korrigiert wurden. Diese Korrekturen wurden so Bestandteil der wissenschaftlichen Aufzeichnungen. Allerdings wurden sie im Anschluss hieran weder gewürdigt noch bei späteren Kritiken berücksichtigt. Infolgedessen wiederholt der Artikel von 2026 Zuschreibungen, auf die in der Fachliteratur bereits eingegangen worden war. Die vorliegende Kritik stützt sich daher zum Teil auf Behauptungen, die bereits als falsche Darstellungen der Polyvagal-Theorie identifiziert und dokumentiert worden sind, jedoch in späteren Kritiken nicht aufgegriffen oder revidiert wurden.

 

Diesen Werdegang zu dokumentieren, steht eher im Dienst der Methodik als dem der Rhetorik. Der wissenschaftliche Diskurs setzt Gegenseitigkeit voraus: Wenn Klarstellungen oder Korrekturen veröffentlicht werden, greift die nachfolgende Kritik diese Klarstellungen direkt auf. Unterbleibt dies, verlagert sich die Diskussion von unaufgelösten empirischen Unstimmigkeiten hin zu der Frage, ob die Theorie korrekt dargestellt wird. An diesem Punkt kann sich die Diskussion von dokumentierten Behauptungen wegbewegen und gerät zur Glaubensfrage statt eine wissenschaftliche Evaluation vorzunehmen.

 

Für Leser, die eine detaillierte Dokumentation unzutreffender Darstellungen im Zusammenhang mit den überkommenen Kritiken Grossmans einsehen möchten, steht über das Polyvagal Institute unter folgender Adresse eine strukturierte Analyse zur Verfügung: https://polyvagal-akademie.com/kritik

 

Diese Quelle bietet eine spezifische, auf Zitaten basierende Klarstellung von der Polyvagal-Theorie unterstellten Behauptungen im Zusammenhang mit der Primärliteratur.

 

Die Wissenschaft ist tolerant gegenüber Missverständnissen; Klarstellungen fördern unser Wissen. Als Grossman und Taylor (2007) ihre Kritik veröffentlichten, ging ich in der Sonderausgabe unmittelbar darauf ein und erklärte, dass „mehrere Aussagen … keine korrekten Darstellungen der Polyvagal-Theorie sind“. Zwei Beispiele veranschaulichen diesen Punkt. Erstens stellte ihre Kritik das in dem Artikel von 1995 beschriebene phylogenetische Modell in einer Weise dar, die nicht mit seiner ursprünglichen Formulierung übereinstimmt. Zweitens wurde die Polyvagal-Theorie so charakterisiert, als würde sie die kardiorespiratorische Kopplung auf Säugetiere beschränken. Wie in meinem Kommentar klargestellt, erhebt die Theorie diesen Anspruch nicht; vielmehr sagt sie spezifisch aus, dass die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA), wie sie in der Theorie definiert wird, eine allein bei Säugetieren anzutreffende Bahn spiegelt, an der dem Nucleus ambiguus entspringende myelinisierte Vagusfasern beteiligt sind. Dies schließt andere Formen der kardiorespiratorischen Interaktion bei nicht zu den Säugetieren gehörenden Wirbeltieren, die über andere Vagusbahnen ablaufen nicht aus. Diese Klarstellungen wurden explizit in die per Peer Review begutachteten wissenschaftlichen Aufzeichnungen mit aufgenommen.

 

Ein zentraler wissenschaftlicher Referenztext, der die Kernarchitektur der Polyvagal-Theorie spezifiziert, ist inzwischen fertiggestellt und wird in den nächsten Monaten veröffentlicht. Dieser Artikel konsolidiert die grundlegenden Thesen der Theorie, beschreibt ihre Analyseebene explizit als systemischen, bahnenspezifischen Rahmen der Zustandsregulation des autonomen Nervensystems, unterscheidet zwischen anatomischer Beschreibung und funktioneller Organisation und formuliert Randbedingungen und Falsifizierbarkeitskriterien. Er soll sicherstellen, dass die zukünftige Evaluation sich mit der Theorie auf der Ebene befasst, auf der sie formuliert wurde.

 

Vielen Dank für Ihre Wissenschaftlichkeit, Ihr klinisches Engagement und Ihren kontinuierlichen Einsatz für Präzision und Integrität in der Erforschung der autonomen Regulation.

 

Mit freundlichen Grüßen

Stephen W. Porges, PhD

March 2026

 

Renommierter Universitätswissenschaftler und Gründungsdirektor, Traumatic Stress Research Consortium des Kinsey Institute an der Indiana University Bloomington

Außerordentlicher Professor für Psychiatrie der Universität von North Carolina in Chapel Hill

Ehrenamtlich bestellter Professor, Psychiatrische Fakultät University of Florida College of Medicine in Jacksonville

Emeritierter Professor für Humanentwicklung, Universität Maryland, College Park

Emeritierter Professor für Psychiatrie, University of Illinois College of Medicine, Chicago


Quellenangaben

Grossman, P., & Taylor, E. W. (2007). Toward understanding respiratory sinus arrhythmia: Relations to cardiac vagal tone, evolution and biobehavioral functions. Biological Psychology, 74(2), 263–285. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2005.11.014

Porges, S. W. (2007). A phylogenetic journey through the vague and ambiguous Xth cranial nerve: A commentary on contemporary heart rate variability research. Biological Psychology, 74(2), 301–307. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2006.08.007

Kritik an der Polyvagaltheorie: Eine umfassende Analyse von Stephen W. Porges, PhD.
Eine evidenzbasierte Analyse der Polyvagal-Theorie und ihrer neurophysiologischen Grundlagen unter Berücksichtigung aktueller Primärquellen.

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Inhaltsangabe – Grundlagen der Polyvagal-Theorie. Dieser Überblick als Basis für die Auseinandersetzung mit der Kritik an der PVT, die an einigen Stellen zu finden ist.

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