Der Antrieb zu siegen – und die Herausforderung, wirklich zu fühlen

Was die Worte eines Siegers über die Preis des Erfolgs im Wettkampf verraten von Michael Allison, Psychology Today, 23. Juli 2025

 


Kernaussagen:

  • Wenn Erfolge sich flach anfühlen, schützt uns das Nervensystem möglicherweise mehr, als wir glauben.
  • Taubheit ist eine Möglichkeit, wie sich der Körper anpasst, um zu überleben, wenn er zu lange zu starkem Druck ausgesetzt ist.
  • In einer Welt, in der viel auf dem Spiel steht, lautet die eigentliche Frage nicht, wie man gewinnt, sondern wie man dabei menschlich bleibt.

 

Scottie Scheffler ist der beste Golfer der Welt. Gerade hat er die British Open gewonnen. Im Vorfeld dieses Turniers sprach er über sein persönliches Paradox: den tiefen Wunsch, unbedingt gewinnen zu wollen und zugleich die Erfahrung, wie wenig anhaltende Erfüllung ihm dieser Sieg verschafft.

„Wir arbeiten so hart für etwas, das so flüchtig ist. Das Gefühl des Gewinnens – es hält einfach nicht lange an. Wenn ich am Jahresende zurückblicke, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit, aber sie erfüllt mich nicht.“

Während ich hörte, wie er mit diesem komplexen Dilemma rang, empfand ich es als besonders wertvoll, dass er die nächste, naheliegende Frage stellte:

„Warum will ich dieses Turnier so unbedingt gewinnen? Das ist etwas, mit dem ich mich jeden Tag auseinandersetze.“

Das Leben unter der Last von Erwartungen

Er weiß, wie schnell jeder Jubel verrauscht. Minuten nach dem Siegeslauf kehrt er in sein alltägliches Leben zurück – mit der unsichtbaren Aufgabe, sich wieder neu als “alltäglicher Scottie” zu orientieren: von simplen Fragen wie „Was gibt es zum Abendessen?“ bis hin zu den großen, wie: Was nun? Was ist der nächste Schritt auf meinem Weg als Profisportler, als Vater und als Ehemann?

Er beleuchtet etwas, das wir alle kennen, aber selten aussprechen: den Menschen hinter den Erwartungen. Das tägliche Dasein hinter den Masken, die wir tragen, und den Trophäen, die wir jagen und sammeln. Wie schwer es uns oft fällt, unsere Erfolge – ob groß oder klein – wirklich zu feiern, weil die Botschaft, vor allem in Leistungskulturen, lautet: Du musst dranbleiben. Jeden Tag besser werden.

„Jeden Tag besser“ kann ein kraftvolles Motto für Höchstleistungen sein – und zugleich ein feiner Hinweis darauf, dass das, was wir im Moment sind, vielleicht nicht genügt, um uns zugehörig zu fühlen.

Scottie betont, wie wichtig ihm seine Rollen außerhalb des Golfsports sind – Rollen, die für die Öffentlichkeit unsichtbar und unbemerkt bleiben. Für ihn kommt Golf an dritter Stelle.

„Wenn Golf jemals mein Familienleben oder meine Beziehung zu meinem Sohn beeinträchtigen würde, wäre das mein letzter Tag als Profi.“

Er sagt, seine Identität sei nicht an Golf gebunden – nicht an Leistung, Siege oder Niederlagen, und auch nicht daran, wie gut er an einem bestimmten Tag spielt. Er beschreibt sich als jemanden, der sich zwar voll für Verbesserungen einsetzt, sich aber vor allem darüber definiert, wer er ist, wenn er zum Training geht – in seinen Beziehungen zu Frau und Sohn und in seiner spirituellen Verbundenheit.

„Ich liebe es, mich zu engagieren … aber am Ende des Tages verstehe ich manchmal einfach nicht, worum es eigentlich geht.“

Flüchtige Gefühle

Dieses Gefühl kenne ich selbst – das Infragestellen des großen Ganzen. Und ich verstehe seine Verwirrung. Er sagt nicht, dass all die harte Arbeit und das Gewinnen völlig leer wirken. Aber das Gefühl hält nicht an – und kann deshalb nicht der eigentliche Grund für seinen tiefsten Antrieb sein.

In gewisser Weise zeigt uns Scheffler nicht nur einen anderen Weg an die Spitze. Er hinterfragt, was diese „Spitze“ überhaupt bedeutet. Das alte Leistungsparadigma sagt uns, wir sollen unsere Gefühle übergehen, Schmerzen ignorieren und unseren Wert um jeden Preis beweisen. Erfolg, so heißt es, werde uns irgendwann Ruhe, Erfüllung und Freude bringen. Scottie stellt dieses Versprechen in Frage und sucht nach dem eigentlichen Sinn hinter seiner Jagd nach Größe: Worum geht es hier
wirklich?

Seine Aussagen haben mich so sehr berührt, dass ich mir das ganze Interview angehört habe. Was mich dabei besonders traf: Unter seinen Worten – selbst wenn er über das Teilen seiner Siege mit Frau und Sohn oder über seine Verbindung zu Gott sprach – spürte ich wenig. Als wären seine Worte von so viel Logik durchdrungen, dass sie nicht lebendig wirkten. Oder war er einfach erschöpft? Ich weiß es nicht. Aber ich fühlte mich von dem Gesagten nicht bewegt. Ich nickte zustimmend, respektierte seine Werte, schätzte seine Offenheit – doch ich spürte es nicht in meinem Körper.

Was sagt mir das?
Ist er betäubt? Bin ich es? Ist da etwas leise geworden – unbemerkt, nicht nur bei Scottie, sondern bei vielen von uns?

Scottie wollte schon immer Profigolfer werden. Schon als Kind trug er lange Hosen auf dem Platz, auch wenn andere ihn auslachten – weil das die Profis so machen. Von Anfang an war er voll dabei. Aber vielleicht hat ihn diese unerbittliche Verfolgung seines Ziels, dieser Druck, großartig zu sein, dieses Bedürfnis dazuzugehören, mit der Zeit dazu gebracht, sich von seinen Körperempfindungen zu entfernen. Nicht absichtlich – sondern als strategische Anpassung seines autonomen Nervensystems an die ständige Anspannung.

Denn der Körper hält nur eine gewisse Belastung aus.
Wenn Druck wächst und anhält, und wenn wir uns ständig verbessern müssen, ohne je „gut genug“ zu sein, bleibt unserem Nervensystem kaum eine andere Wahl, als uns zu schützen.

Der Preis der autonomen Anpassung?

Nach der von Stephen W. Porges entwickelten Polyvagal-Theorie verändert sich das autonome Nervensystem – zunächst unbemerkt und jenseits bewusster Kontrolle – in Reaktion darauf, wie sicher, unsicher oder überwältigt wir uns fühlen. Wenn die Herausforderung zu groß und zu langanhaltend wird, können wir uns innerlich zurückziehen. Wir betäuben uns vielleicht. Was äußerlich wie Gelassenheit wirkt, kann in Wahrheit ein Energiesparmodus sein. Emotionale Stabilität kann dann eine Schutzfunktion übernehmen: eine Schonung unserer Ressourcen, ein Abdämpfen von Gefühlen, um zu überleben.

Vielleicht erklärt das Schefflers bemerkenswerte Fähigkeit, sich so schnell zu erholen. Er führt die PGA-Tour in der Schlag-Durchschnittswertung nach einem Bogey an. Sein Nervensystem könnte so geübt darin sein, Abstürze abzufedern, dass er den Anstieg von Angst oder Freude kaum noch spürt. Das kann im Golf – gerade bei großen Turnieren – ein Geschenk sein. Aber könnte dasselbe Geschenk die emotionale Bandbreite dämpfen, die das Leben reich und erfüllend macht?

Diese Frage stelle ich mit Neugier und Mitgefühl, nicht als Kritik.

Denn ich frage mich auch: Verblassen seine Gefühle von Aufregung, Freude und Verbundenheit ebenso schnell in anderen Lebensbereichen? Oder nur im Golf? Kann er noch Ehrfurcht, Staunen, Herzschmerz, Traurigkeit und die bittersüße Tiefe seiner Beziehungen spüren? Oder ist alles so abgeflacht und ausbalanciert, dass es nur noch gedämpft wirkt?

Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was einem Champion wie Scottie ermöglicht, in einer Kultur des Vergleichs zu bestehen – einer Welt, in der man nur so gut ist wie seine letzte Scorekarte. In einer Wettbewerbskultur, die uns nie innehalten lässt, mag Betäubung ein Überlebensmechanismus sein.

Schefflers offenes Interview lässt mich auch fragen: Können wir so methodisch und absichtsvoll werden, dass wir den Kontakt zu unseren Gefühlen verlieren? Können wir so mechanisch an ein Spiel herangehen, dass wir die natürlichen, feinen Veränderungen in unserer Physiologie nicht mehr bemerken – jene Veränderungen, durch die wir die emotionalen Höhen und Tiefen nicht nur des Spiels, sondern unseres gesamten Lebens und unserer Beziehungen erleben?

Ja, vielleicht hilft es Scottie, unter Druck gelassen zu bleiben und nach einem Fehlschlag zurückzukommen. Aber beschränkt diese autonome Anpassung, die spontanen Aufs und Abs des Wettbewerbs zu komprimieren, auch die emotionale Beweglichkeit, die es uns ermöglicht, vom Leben bewegt zu sein – und uns im Leben bewegen zu lassen?

Das ist die Frage, die ich mir am Ende stelle. Danke, Scottie, für die Einladung, über die tiefere Frage hinter Leistung und Erfolgsdrang nachzudenken: Worum geht es bei all dem eigentlich?

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© 2025 Michael Allison. Alle Rechte vorbehalten. Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von Michael Allison aus dem Englischen übersetzt. Das Original erschien bei Psychology Today hier.

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