Entdecken Sie die Wissenschaft und Kunst unserer Emotionen
Emotionale Intelligenz aus einer polyvagalen Perspektive.
Psychology Today, 20. Februar 2025, Michael R. Allison
Unsere Erfahrung und unser Ausdruck von Emotionen resultieren aus Veränderungen in unserem physiologischen Zustand, die oft als Empfindungen in unserem Körper gespürt werden. Wir können Veränderungen unserer Herzfrequenz, Atemmuster, Stoffwechsel-
Aktivität, Verdauungsprozesse, Körpertemperatur oder Muskelspannung merken oder nicht merken.
Diese körperlichen Veränderungen treten aufgrund dynamischer Veränderungen in unserem Autonomen Nervensystem (ANS) auf, das für die Aufrechterhaltung der Homöostase und die Steuerung unserer Reaktionen auf interne, externe und relationale Bedingungen zuständig ist. Der Hirnstamm spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung dieser autonomen Anpassungen und reguliert die Verteilung von physiologischen Ressourcen auf der Grundlage der Neurozeption.
Ein neuronaler Reflex
Neurozeption ist keine spezifische Struktur und kein bestimmter Mechanismus im Gehirn. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Konstrukt, das durch die Polyvagal-Theorie (PVT) definiert wird. Damit werden komplexe neuronale Prozesse beschrieben, die eine Rückmeldung zwischen Gehirn, Körper und Nervensystem beinhalten, die keine Wahrnehmung, bewusste Beurteilung der Kausalität oder Intentionalität umfassen.
Laut PVT befinden sich im Hirnstammbereich neuronale Skripte und regulieren grundlegende Überlebensmechanismen. Beim Menschen und anderen sozialen Säugetieren werden diese Skripte durch höhere Hirnstrukturen ausgelöst, die Informationen außerhalb des Gewahrseins verarbeiten.
Aus funktionaler Sicht ist die Neurozeption ein fortlaufender, zirkulärer, zweistufiger Prozess, der Hinweise auf die Sicherheit und das Risiko erkennt und autonome Zustände auf der Grundlage der Interpretation dieser Hinweise anpasst. Dies beeinflusst daraufhin den folgenden Erkennungsschritt. Dieser Prozess funktioniert primär unterhalb unseres bewussten Gewahrseins und unserer bewussten Kontrolle. Die Neurozeption funktioniert schnell und reflexartig und identifiziert Signale der Sicherheit, Gefahr oder Lebensbedrohung aus verschiedenen Quellen, darunter auch interne Rückmeldungen des Körpers, externe Umgebungen sowie zwischenmenschliche Beziehungen. Sie verändert schnell unsere autonomen Zustände, um adaptive Reaktionsstrategien zu unterstützen, die unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere sozialen Beziehungen optimieren oder unsere Sicherheit, unsere Ressourcen und unser Überleben schützen.
Wenn wir uns sicher fühlen, neigt unsere Neurozeption naturgemäß dazu, Sicherheit und Verbindung zu erkennen, was Gefühle des Vertrauens und der Zugänglichkeit in uns selbst und unter anderen fördert. Wenn wir uns hingegen unsicher fühlen, konzentriert sich unsere Neurozeption auf unseren Schutz vor potenziellen Bedrohungen, wodurch wir sensibler für Geräusche, Licht, Bewegungen und Berührungen sind.
Auch wenn wir möglicherweise nicht alle an der Neurozeption beteiligten Signale bewusst wahrnehmen, können wir uns ihrer Auswirkungen durch Schwankungen unserer Empfindlichkeiten und physiologische Veränderungen der Herzfrequenz, Atmung, Stoffwechsel-Aktivität, Körperhaltung, Bewegungen und Muskelspannung bewusst werden.

Emotionen werden dynamisch erzeugt und angepasst
Emotionen entstehen aus diesen physiologischen Veränderungen, die durch diesen neuronalen Reflex ausgelöst werden. Sie dienen als psychologische Konstrukte, die uns bei der Interpretation unserer körperlichen Zustände in verschiedenen Kontexten, Beziehungen und Situationen helfen.
Die sensorischen Äste des Vagus übermitteln Informationen über den Status unserer inneren Organe und die Verteilung von Stoffwechselressourcen an den Hirnstamm (d. h. den Nucleus tractus solitarii). Anschließend kombiniert das Gehirn diese internen Daten mit Sinneseindrücken aus der Umgebung und vergleicht diese Mischung aus internen und externen Signalen mit früheren Erfahrungen. Dieser unterhalb unserer bewussten Kontrolle stattfindende Prozess ermöglicht uns, aus physiologischen Veränderungen eine Bedeutung abzuleiten, die schließlich das prägt, was wir als Emotionen erleben.
Emotionen sind keine festen, angeborenen Reaktionen, sondern werden in Echtzeit durch die Integration von Gehirn, Körper und Nervensystem dynamisch erzeugt. Das Gehirn prognostiziert und aktualisiert kontinuierlich unsere emotionalen Zustände auf der Grundlage von interozeptiven Signalen (inneren Empfindungen), exterozeptiven Hinweisen (Sinneseindrücken aus der Umgebung) sowie früheren Erfahrungen. Dieser Prognoseprozess ermöglicht adaptive Reaktionen auf externe Reize, Hinweise von anderen und interne Bedürfnisse und steuert unsere Handlungen, Reaktionen und Interaktionen auf eine Weise, die sowohl das Überleben als auch das soziale Engagement unterstützen kann.
Emotionen sind im Wesentlichen nicht nur Reaktionen auf die Umwelt, sondern entstehende Interpretationen unserer körperlichen Zustände im Rahmen bestimmter Kontexte. Sie entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel zwischen dem autonomen Nervensystem, der Neurozeption, den Interpretationsprozessen des Gehirns sowie der externen, internen und relationalen Welt.
Warum dies wichtig ist
Wenn wir Emotionen als konstruierte Erfahrungen verstehen, erhalten wir wertvolle Einblicke in die dynamische Beziehung zwischen unserer Physiologie, der neuronalen Erkennung von Sicherheit und Risiko sowie unseren Gedanken, Mustern, Verhaltensweisen und Motivationen.
Statt uns von unseren Emotionen überwältigen zu lassen, können wir sie als Informationen darüber betrachten, wie sicher, unsicher oder überfordert wir uns fühlen. Mit dieser Perspektive können wir unsere körperlichen Gefühle erleben, ohne ihnen eine übermäßige Bedeutung beizumessen, und darauf vertrauen, dass unsere Emotionen nicht festgelegt sind, sondern sich mit unseren autonomen Rhythmen verändern werden.
Wir können mit der Achterbahn der Emotionen fahren, ohne Angst zu haben, zu fallen, zu schnell zu fahren oder stecken zu bleiben. Dies gibt uns ein Gefühl von Neugier, Freiheit und Offenheit, sodass wir die große Vielfalt an Emotionen und grundlegenden physiologischen Zuständen, die unsere menschliche Erfahrung bilden, erkunden können.
Wir können Muster von Emotionen erkennen, die unsere Motivation verringern, mit anderen in Kontakt zu treten oder am Leben allgemein teilzunehmen. In diesem Fall können wir unsere Aufmerksamkeit auf die Identifizierung von Hinweisen in unserer Umgebung, den Menschen um uns oder den Rhythmen in unserem Körper lenken, die für unsere Neurozeption sicher, beruhigend, vertrauenswürdig und zuverlässig sind.

Emotionale Intelligenz
Die Wissenschaft der Emotionen hilft uns, die zirkuläre Natur unserer autonomen Zustände zu verstehen und nachzuvollziehen, wie unser Nervensystem Sicherheit und Risiko erkennt, die auftretenden physiologischen Veränderungen und die Emotionen, die durch diese instinktiven Prozesse entstehen. Dagegen erfordert die Kunst der Emotionen das Erkennen, wann wir unsere Gefühle und Emotionen vollständig erleben, wann wir uns von ihnen leiten lassen und wann wir unsere autonomen Reaktionen sanft anpassen und neu ausrichten.
- Emotionale Intelligenz kann neu definiert werden als:
Ein verkörpertes Verständnis der physiologischen Veränderungen, die unseren
emotionalen Reaktionen zugrunde liegen, und eine starke Verbindung zu ihnen. - Autonome Beweglichkeit, mit der wir mit Neugier, Kreativität und Verspieltheit auf
den Wellen unserer Emotionen surfen, während sie auf natürliche Weise entstehen.
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© 2025 Michael Allison. Alle Rechte vorbehalten. Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von Michael Allison aus dem Englischen übersetzt. Das Original erschien bei Psychology Today hier.